Dr. Wolf Schumacher im Interview

Aareal Bank rechnet nicht mit Jahresverlust

Vorstandschef: Kapitalausstattung angemessen

Börsen-Zeitung, 12.11.2008

Herr Dr. Schumacher, die Aareal Bank hat in keinem Quartal der Finanzkrise seit Mitte 2007 einen Verlust ausgewiesen, die Belastungen durch die Krise werden als überschaubar dargestellt, das operative Geschäft läuft plangemäß. Dennoch hat die Aktie allein im Verlauf dieses Jahres mehr als drei Viertel ihres Werts verloren, der Börsenwert der Aareal Bank liegt unter 300 Mill. Euro. Wie ist das zu erklären?

Uns ist die Feststellung sehr wichtig, dass wir in jedem Quartal der Finanzkrise bisher schwarze Zahlen geschrieben haben. Das können auch in der deutschen Bankenlandschaft sehr viele Institute nicht mehr von sich sagen. Das Geschäftsmodell der Aareal Bank hat sich als sehr solide und tragfähig erwiesen. Das Management hat die richtige Strategie aufgesetzt. Wir agieren im Neugeschäft selektiv und umsichtig. Wir liefern, was wir versprechen. Die Entwicklung des Aktienkurses der Aareal Bank spiegelt aber nicht unsere eigene erfolgreiche Entwicklung wider, sondern vielmehr die Gesamtlage im internationalen Bankensektor, der mitten in der Finanzkrise und jetzt zusätzlich vor einer konjunkturellen Abkühlung steht.

Ist es tatsächlich nur das Umfeld? Die Aktie der Aareal Bank hat nach Veröffentlichung ihrer jüngsten Quartalszahlen 17% eingebüßt. Inwieweit spielen da nicht auch die kassierte Jahresprognose und eine mögliche Nutzung des staatlichen Hilfspakets für den Finanzsektor eine Rolle?

Wir erwirtschaften trotz Finanzkrise zuverlässig Gewinne und liegen im Plan. Welche andere Bank kann das von sich behaupten? Es wird auch bisher nicht hinreichend gewürdigt, wie solide und robust unser Geschäftsmodell ist. Stattdessen dominieren andere Themen, die wir nicht zu verantworten haben. Und was das staatliche Rettungspaket angeht: Wir sehen derzeit keinen Bedarf, von dessen Instrumenten Gebrauch zu machen. Dafür gibt es drei Gründe: Unser operatives Geschäft läuft planmäßig, wir sind angemessen kapitalisiert und unsere Refinanzierung ist solide. Als international tätiger Immobilienfinanzierer müssen wir uns allerdings mit Konkurrenten messen, die staatliche Hilfsprogramme nutzen können. Wir beobachten daher sehr genau, was bei diesen Instituten passiert, wenn sie unter den staatlichen Schirm gehen. Sie verfügen dann möglicherweise über bessere Ratings, eine günstigere Refinanzierung und können wieder mit Neugeschäft beginnen. Die Aareal Bank hätte dann einen Nachteil im Wettbewerb.

Wie lange wollen Sie prüfen und den Markt im Unklaren darüber lassen, ob und in welchem Umfang die Aareal Bank zum Beispiel staatliche Kapitalhilfe benötigt?

Es belastet doch nicht den Kurs der Aareal Bank, dass sie nicht unter dem Rettungsschirm steht! Für uns ist entscheidend, ob wir Wettbewerbsverzerrungen feststellen können oder nicht. Wann das sein wird, kann ich nicht sagen. Wir müssen aber im Unterschied zu anderen Wettbewerbern in Deutschland nicht aus purer Not zu den staatlichen Hilfen greifen. Wir stehen unter keinerlei Druck, weder finanzieller noch zeitlicher Art.

Mit einer Kernkapitalquote von 8,0% nach dem Kreditrisiko-Standardansatz gemäß KWG betrachtet sich die Aareal Bank aktuell als angemessen kapitalisiert. Die zum Teil neuen Zielquoten im internationalen Bankensektor liegen höher, wenn auch auf anderer Berechnungsbasis. Ist Aufholbedarf nicht schon absehbar?

Wir haben mit unseren zwei starken Säulen ein ausbalanciertes Geschäftsmodell, das mit dem anderer Häuser nur sehr bedingt vergleichbar ist. Unsere Kernkapitalquote von 8% halten wir vor diesem Hintergrund für sehr angemessen. In unserer IFRS-Bilanz beläuft sich das Verhältnis von Bilanzsumme zum Eigenkapital ohne hybride Bestandteile auf 30,7 (Leverage), mit hybriden Eigenkapitalinstrumenten beträgt dieser Hebel nur das 22,5-Fache. Andere Banken wären froh, wenn sie solche Werte vorweisen könnten.

Im derzeitigen Umfeld sind Prognosen für das Gesamtjahr nicht mehr möglich, sagen Sie im Zwischenbericht zum 30. September. Heißt das, dass auch ein Jahresverlust nicht auszuschließen ist?

Ich betone noch einmal: Unser operatives Geschäft liegt nach neun Monaten voll im Plan. Nach dem Kollaps von Lehman Brothers sind die Verwerfungen auf den Finanzmärkten so dramatisch, dass man seriöserweise keine Prognosen mehr stellen kann. Wir wollen bei Prognosen verlässlich sein, das war immer unser Stil. Zum weiteren Jahresverlauf nur so viel: In der Sparte Consulting/ Dienstleistungen, unserem zweiten Geschäftsfeld neben den strukturierten Immobilienfinanzierungen, werden wir unser Jahresziel erreichen. Nach 33 Mill. Euro vor Steuern in den ersten neun Monaten sind wir von dem Ziel von 40 Mill. bis 50 Mill. Euro im Gesamtjahr nicht mehr weit entfernt. Ferner halten wir an unseren Kostenzielen und an den Plänen für unsere Risikovorsorge fest. Wir sind aktuell von einem Jahresverlust ebenfalls weit entfernt. Dass wir unter diesen Umständen im Gesamtjahr einen Verlust erleiden, können wir uns beim besten Willen nicht vorstellen.

Können Sie wie für 2007 eine Dividende von 50 Cent je Aktie an die Aktionäre zahlen?

Das werden wir entscheiden, wenn wir die endgültigen Jahreszahlen kennen.

Das Interview führte Carsten Steevens.